6.4.13

Frau Holle auf dem Hohlstein






Mindestens seit 1999, nämlich als wir hierher zogen, kenne ich den Hohlstein. Beim Spazierengehen ums Dorf oder auf Autotouren in der Umgebung ist er immer wieder zu sehen, ein großer, sanft gerundeter, bewaldeter Hügel, zwischen sechs- und siebenhundert Meter hoch. Und obwohl ich mir die Namen der Berge und Hügel ringsherum von Anfang an ziemlich gut merken konnte, hatte ich seinen Namen die ganzen Jahre hindurch immer wieder vergessen, wenn ich ihn sah. Das war schon richtig auffällig, und im letzen Jahr bin ich sehr konzentriert drangegangen, ihn mir endlich einzuprägen, mit Erfolg.


Und erst vorgestern Abend, einen Tag bevor ich ihn im Zuge meiner Etappenwanderung auf dem Hochrhöner Wanderweg überqueren wollte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen – natürlich, das ist ein Holle-Platz! Sofortiges googeln bestätigte meine Annahme. Als ich dann am nächsten Tag tatsächlich dort oben war und auf einer Bank rastete, fand ich den Gipfel nicht, bzw. konnte ihn nicht sehen, obwohl er ganz in der Nähe sein musste – seltsam. Ich schaute auf meine Wanderkarte, wo er eingezeichnet ist, und auf die Wege drum herum, aber ich sah ihn nicht. Ihn suchen wollte ich zu diesem Zeitpunkt nicht, denn ich war ja auf diesem speziellen Wanderweg unterwegs, dessen Streckenverlauf aber grad an dieser Stelle geändert worden war – weitere Verwirrung.





Ich erzählte das alles W., und gemeinsam suchten wir den Gipfel am nächsten Tag von unten auf der Straße aus dem Auto heraus, fanden aber nichts Eindeutiges. Irgendwo oberhalb dieses kleinen Dorfes, durch das wir fuhren, musste er wohl liegen. Und da fiel mir ein, dass ich vor etwa fünfzehn Jahren mit einer Gruppe von Frauen, von denen eine in dem Dörfchen unten gewohnt hatte, dort oben unter riesigen Fichten Beltane gefeiert hatte. Es war dunkel gewesen, als wir hochstiegen, und ich wusste nicht so richtig, wo wir uns befanden. Das war ein denkwürdiges Fest. Eine Frau hatte etliche Reisigbesen mitgebracht, die sie auf dem Speicher ihres neu bezogenen Hauses gefunden hatte, und im Verlauf der etwas chaotischen aber wunderbaren Feier entledigten sich einige der Frauen spontan ihrer Kleider und liefen nackt durch den Wald. Ich war leider nicht dabei, und viel mehr erinnere ich auch nicht davon. 


Zwei Tage nach meiner vergeblichen Suche fuhr ich mit dem Auto hoch bis zum Hotel und ging von da an einfach immer bergauf. Nach ca. 500m kam ich an ein großes, von Fichten und Buchen umstandenes und mit einem Weidezaun eingegrenztes Plateau. Auf der einen Seite der Weide wachsen auch große Buchen, und eine riesige Fichte steht ein Stück weiter allein. Sie hat zwei Stämme oder Äste, die aus einer Stelle im Boden heraus wachsen und sehr dick und knorrig sind. Und ganz am Rand der ebenen Fläche, direkt am Stacheldrahtzaun ein großer Stein. Na, der ist auch nicht von allein hier herauf gerollt, war mein erster Gedanke. Zumal es keine anderen von annähernder Größe gibt. Ich ging näher und siehe da, oben hat der Stein eine Vertiefung wie ein Hollestein. Das Wasser, welches sich darin sammelt, gilt als besonders heilsam und Fruchtbarkeit bringend.  



Dieser Platz scheint ziemlich vergessen zu sein, denn ich fand in dem alten Schnee keine anderen Fußspuren als meine. Rasselnd spürte ich eine mächtige, sanfte Präsenz von etwas wirklich Großem über diesem Platz, und kurz tauchte eine Frau in einem blauen Leinenkleid auf mit weißer, gestärkter Haube, wie eine tüchtige Hausverwalterin. Ich dachte, so haben die Menschen, die hier feierten, sie vielleicht gesehen.


 




Ich setzte das mitgebrachte Kerzenglas und das rot verpackte Schokoladenei in die schneebedeckte Mulde und weiß, dort bin ich bestimmt nicht zum letzten Mal gewesen.



5.4.13

Der vierte Tag - wo sich Fuchs und Rehe "Gute Nacht" sagen



Es war ein trüber Tag, die Wolken hingen tief, die Sicht war schlecht, und es schneite sogar ein bisschen - ausgesprochen ungemütlich. An den bitterkalten Wind hatte man sich fast schon gewöhnt - dank der zwei Mützen und den mittlerweile zwei Thermosbechern mit heißem Gewürztee. Von der Flasche mit dem kalten Wasser hatte ich sowieso nie was getrunken.

Ein vorläufig letzter Blick auf die Harbacher Linde

Ich ging über tief verschneite Waldwege, sah einen Fuchs in der Ferne davon eilen und drei Rehe direkt vor mir den Weg kreuzen. Bei solchem Wetter ist sonst nicht viel los auf den Wanderwegen, da bleibt man unter sich.

Irgendwann fiel es mir auf: es war vollkommen still im Wald! Der April ist doch sonst der Monat, wo die Vögel den meisten Lärm machen, und ich hör besonders gern die im Wald. Aber außer einem ganz gelegentlichen einzelnen Stimmchen gab es keinen Laut, wie im tiefsten Winter.

Wie ist das eigentlich mit der Spiritualität, wenn es an körperliche Grenzen geht? Ist es so wie bei der Maslow-Pyramide, dass erst der Bauch gefüllt und der Körper bequem ist, ehe sich der Geist mit anderen Realitätsebenen befassen mag?

Gestern, auf diesem magischen Hügel mit den Hainbuchen drauf, wollte ich eigentlich den Ortsgeist suchen. Hab es aber bei all dem kalten Wind und der körperlichen Anstrengung glatt "vergessen".

Heute hab ich zum gleichen Zweck sogar ne Rassel eingepackt, fand aber wieder keine richtige Gelegenheit. Aber ich fand eine Krähenfeder, die ich als Gebetsfeder in eine Baumrinde steckte und um Kraft bat. Und da konnte ich endlich singen und sang ein Lied für Himmel und Erde. Danach gings mir richtig gut.

4.4.13

Der dritte Tag - die Runde



Seit heute bin ich auf der eigentlichen Hochrhöner-Runde unterwegs, die letzten beiden Tage waren nur "Zubringer".

Alte Hainbuchen bilden einen magischen Platz

Als ich losging, war es bedeckt, aber der Wind war wenigstens nicht stärker geworden, schwächer aber auch nicht. Die Temperatur am Start war fast -5°. Gegen Mittag kam die Sonne ein paarmal heraus. Weite Strecken musste ich über fest getretenen Schnee oder rutschiges Eis gehen. Zum Glück habe ich heute mal die Nordic Stöcke mitgenommen, das hat geholfen.


Mittagspause aufdem Hohlstein

Einer der Hügel, über die ich heute wanderte, heißt Hohlstein. Nun leben wir schon seit mehr als 13 Jahren hier in der Gegend, aber erst gestern fiel mir auf, dass Hohlstein etwas mit Frau Holle zu tun haben könnte. Jedenfalls habe ich viele Google-Seiten dazu gefunden. Manchmal steht man aber auch auf dem Schlauch...


Die Linde ist zwischen 600 und 800 Jahre alt

Keine sieben Jahre ist der Wanderweg alt, und schon haben sie den Streckenverlauf geändert. Auf diese Weise fand ich zum Schluss etwas abseits des Weges das winzige Dorf, in dem die uralte Linde steht, die ich immer schon mal besuchen wollte.


Ich find, der macht nen schlanken Fuß, der Baum

3.4.13

Der zweite Tag - oder die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Vergiss nicht:
Das Leben ist kurz
Also brich die Regeln, wenn nötig
Vergib schnell
Küsse bedächtig
Liebe ehrlich
Lebe
Und lasse niemals zu, dass du das Lachen verlernst

Am Morgen gefunden, Verfasser unbekannt, mein Wahlspruch für den heutigen Tag.



Die Vorstellung, trotz der Kälte wieder raus zu gehen, machte mir gute Laune. Alles besser als in der Bude zu hocken und über das Wetter zu schimpfen - und außerdem schien die Sonne. Heute war der Wind sogar noch schneidender als gestern, er brauste und dröhnte in den Wipfeln der Wälder. Ich hatte mich aber wärmer angezogen und fror deshalb nicht ganz so - teilweise trug ich sogar zwei Mützen übereinander. Dafür war's an windgeschützten Stellen richtig schön in der Sonne.

Erste Teepause - der Thermosbecher lockt den Frühling herbei

Ich bin ja an sich schon nicht die Schnellste, und schon gar nicht am Berg. Aber heute brach ich alle Rekorde in Langsamkeit, und häufig blieb ich auch noch stehen um durchzuschnaufen - das kann man einem Wanderpartner gar nicht zumuten, außer meiner Hündin Saba, für uns zwei war's okay. Ich war heute sogar eine Stunde länger unterwegs als gestern und schaffte eine zusätzliche Etappe, die ich mir eigentlich für Morgen vorgenommen hatte. Irgendwie waren die Gelenke besser geschmiert, und die Heilung hat schon begonnen.

Zweite Teepause am Bach im Malerdorf


Hier fiel die Entscheidung: abholen lassen oder doch hoch auf den Berg - ich wagte es. In der Sonne wirbelten winzige, funkelnde Schneekristalle, aber oben war's bewölkt und alles noch richtig winterlich weiß, und ich hab's geschafft!

Die Milseburg werde ich am Schluss der Runde überqueren


2.4.13

Medicine Walk


Halb freu ich mich, halb fürcht ich mich...

Der Winter geht in diesem Jahr gar nicht zu Ende. Fünf Wochen krank gewesen und kein Mal vor die Tür gegangen. Dabei gefühlte 10 Kilo zugenommen bei gleichzeitigem totalen Muskelschwund. Irgendwann eine schon fast schmerzhafte Sehnsucht nach Bewegung (und natürlich nach endlich Frühling!) entwickelt. Und dann erzählt eine Freundin von einem Rundwanderweg in der Nähe und ihrer Lust, darauf zu wandern (danke Anja!), und ich weiß sofort, das will ich! Ich mache mich auf die Suche nach dem Frühling und tanke da draußen Kraft und laufe der Krankheit und dem Winter einfach davon.

Vorher mussten noch Ostern und am Ostermontag ein runder Geburtstag (90.) in der Familie gefeiert werden, aber gleich am Tag danach wollte ich los, heute also. Kleinen Rucksack gepackt und ab. Leichte Minustemperaturen und ein schneidender, kalter Wind aus Osten - wahrscheinlich ohne Umwege direkt aus Sibirien - dazu ein wenig Frühlingssonne. Schon nach einer halben Stunde leicht hügelan die erste Teepause, die gefällten Stämme am Wegesrand waren so einladend und der Tee im Thermosbecher noch warm (danke H. für die Idee).

Zweite Teepause

Die Pfützen und Teiche sind noch halb von Eis bedeckt, in schattigen Mulden liegt der letzte Schnee, und kein Blümlein, kein Frühlingskräutlein ließ sich blicken, nicht mal an geschützten Stellen. Ein paarmal habe ich mich verlaufen, weil die Markierungen in den letzten Jahren stark verwittert sind. Nach zweieinhalb Stunden war ich im Nachbardorf, wo man mit dem Auto auf der Kreisstraße innerhalb von fünf Minuten ist. Mir war eisekalt und die Beine und Füße taten mir weh. Da ließ ich mich lieber schon abholen, weil ich ja morgen weiter will. Trotzdem fällt es nicht leicht zu akzeptieren, dass meine Kondition so im Keller ist.

Ausblick auf mein übernächstes Etappenziel

27.1.13

Wurzelkraft





Tatsächlich hatten wir in den letzten Wochen noch mal so einen richtigen Skadiwinter mit ordentlich Schnee und Kälte und Regenbogengefunkel. Doch heute beginnt es zu tauen, und es wird feucht.

Morgens erwachte ich mit einer Idee, mit einem Bild von einem Rohkost-Smoothie aus Rüben. Es fühlte sich an, als ob mir das in der Nacht jemand ins Ohr geflüstert hatte. Mein Verstand tat es zunächst als Spinnerei ab.

Doch zum Frühstück war es klar, so ein Smoothie gehört heute unbedingt dazu. Im Gemüsekorb fand ich Möhren, Pastinaken, Steckrübe, Knollensellerie und Boskopäpfel, tat von allem etwas in den Mixer, dazu Apfelsaft und fertig war der Rüben-Smoothie. Mir schmeckte er ganz wunderbar frisch und süß und leicht, genau das, was mein Körper anscheinend gebraucht hatte.

Und beim Trinken spürte ich eine Kraft von unten, von der Erde, ganz so als ob der Winter mit seinen speziellen Genüssen ein gutes Fundament für den kommenden Frühling legen will. Vielleicht mache ich mir ja Morgen wieder einen.

9.1.13

Skadi



Zurzeit fasziniert mich diese Göttin sehr.

Ich mochte den Winter eigentlich nie besonders. Die Kälte kroch in die Knochen, lähmte. Die warmen Wollsachen kratzten, die Haut reagierte allergisch, Erkältungen wechselten sich alle Nase lang ab, und Winterdepressionen wurden immer schlimmer. Ich fürchtete mich eigentlich gegen Ende des Sommers schon regelrecht vor dem Winter, und das wurde in den letzten Jahren immer stärker.

In diesem Winter hat sich das irgendwie verändert, und mein Blick fällt auf die nordische Eisriesin Skadi und ihre Lust an der kalten Jahreszeit. Skadi ist als Angehörige der Natur waltenden Riesenfamilie und als Tochter des Sturmriesen Thiassi eine Repräsentantin des Winters und des Kälte bringenden Nordwinds und zeigt, wie man die kalte Jahreszeit freudvoll genießen kann, ohne sich hinterm Ofen zu verkriechen. Sie läuft auf Schneeschuhen oder Skiern durch die verschneite Landschaft und jagt mit ihrem Bogen Vögel und allerlei Getier. Und manche meinen, sie ist die Namenspatin von Skandinavien, welches sich auch als Land der Skadi deuten lässt.

Auch wenn Winterjasmin und Zaubernuss schon blühen, freu ich mich drauf, wenn wieder Schnee liegt, der bei genügender Kälte in der Sonne in allen Regenbogenfarben funkelt.