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30.7.15

Schnitterzeit

 
 

Glühwürmchennächte...
 
Schwarze Schatten jäh im Grün -
 
Ein Blatt fällt herab
 
 
Plötzliche Erkenntnis: die scheinbar endlose Sommerseligkeit geht doch einmal zuende.
Dazu fällt mir eine Bauernregel für den 26. Juli ein  "Ist St. Anna erst vorbei, kommt der Morgen kühl herbei."

In diesem Jahr tun die Wettermacher aber so, als hätten sie noch nie von dieser Regel gehört, und die dritte Hitzewelle dieses Sommers geht über unser Land hinweg. Das Korn ist geschnitten, und die Strohrollen liegen gleichmäßig verteilt auf den Stoppelfeldern. Das Grün der Bäume wird matt und dunkel, und manchmal schleichen sich schwarze Schatten hinein und machen die Kontraste schärfer. Das Licht der Sonne erscheint goldener, und rote Beeren leuchten im Gezweig. Hier und da färben sich auch schon die Äpfel.

Mitte August ist traditionell die Sammelzeit für Heilkräuter vorbei. Stattdessen gingen die Frauen hinaus und sammelten einen blühenden Strauß aus bestimmten Pflanzen und ließen ihn segnen, damit er sie und ihre Familien über die dunkle Zeit beschützen sollte. Manchmal wurde etwas davon abgebrochen und als Schutz- und Heilräucherung verwendet. Gerade in diesem Jahr haben junge Frauen aus einem Nachbardorf diesen Brauch wieder belebt.

Die erste Ernte wird eingefahren. Was haben wir schon geerntet? Was ist aus unseren Wünschen und Projekten vom Jahresbeginn geworden? 

9.4.13

Kleine Sonnen





Huflattichblüten sehen aus wie kleine, intensiv gelbe Sonnen, so wie Kinder sie malen – und manchmal auch Große. Ich war heute im Wald oberhalb des Dorfes und hielt nach Veilchen Ausschau. Stattdessen fand ich ganz überraschend an vielen Stellen am Wegesrand größere Ansammlungen von strahlenden Huflattichblüten, die ersten wilden Blüten in diesem späten Frühjahr.

Sie erschienen mir bei längerer Betrachtung wie eine Gestalt gewordene Liebeserklärung der Erde und des Lebens an die Sonne. Ich nahm ein paar mit, von jeder Gruppe eine Blüte, und koche uns heute Abend einen Tee damit, denn meinen Husten bin ich auch noch immer nicht ganz los.

6.4.13

Frau Holle auf dem Hohlstein






Mindestens seit 1999, nämlich als wir hierher zogen, kenne ich den Hohlstein. Beim Spazierengehen ums Dorf oder auf Autotouren in der Umgebung ist er immer wieder zu sehen, ein großer, sanft gerundeter, bewaldeter Hügel, zwischen sechs- und siebenhundert Meter hoch. Und obwohl ich mir die Namen der Berge und Hügel ringsherum von Anfang an ziemlich gut merken konnte, hatte ich seinen Namen die ganzen Jahre hindurch immer wieder vergessen, wenn ich ihn sah. Das war schon richtig auffällig, und im letzen Jahr bin ich sehr konzentriert drangegangen, ihn mir endlich einzuprägen, mit Erfolg.


Und erst vorgestern Abend, einen Tag bevor ich ihn im Zuge meiner Etappenwanderung auf dem Hochrhöner Wanderweg überqueren wollte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen – natürlich, das ist ein Holle-Platz! Sofortiges googeln bestätigte meine Annahme. Als ich dann am nächsten Tag tatsächlich dort oben war und auf einer Bank rastete, fand ich den Gipfel nicht, bzw. konnte ihn nicht sehen, obwohl er ganz in der Nähe sein musste – seltsam. Ich schaute auf meine Wanderkarte, wo er eingezeichnet ist, und auf die Wege drum herum, aber ich sah ihn nicht. Ihn suchen wollte ich zu diesem Zeitpunkt nicht, denn ich war ja auf diesem speziellen Wanderweg unterwegs, dessen Streckenverlauf aber grad an dieser Stelle geändert worden war – weitere Verwirrung.





Ich erzählte das alles W., und gemeinsam suchten wir den Gipfel am nächsten Tag von unten auf der Straße aus dem Auto heraus, fanden aber nichts Eindeutiges. Irgendwo oberhalb dieses kleinen Dorfes, durch das wir fuhren, musste er wohl liegen. Und da fiel mir ein, dass ich vor etwa fünfzehn Jahren mit einer Gruppe von Frauen, von denen eine in dem Dörfchen unten gewohnt hatte, dort oben unter riesigen Fichten Beltane gefeiert hatte. Es war dunkel gewesen, als wir hochstiegen, und ich wusste nicht so richtig, wo wir uns befanden. Das war ein denkwürdiges Fest. Eine Frau hatte etliche Reisigbesen mitgebracht, die sie auf dem Speicher ihres neu bezogenen Hauses gefunden hatte, und im Verlauf der etwas chaotischen aber wunderbaren Feier entledigten sich einige der Frauen spontan ihrer Kleider und liefen nackt durch den Wald. Ich war leider nicht dabei, und viel mehr erinnere ich auch nicht davon. 


Zwei Tage nach meiner vergeblichen Suche fuhr ich mit dem Auto hoch bis zum Hotel und ging von da an einfach immer bergauf. Nach ca. 500m kam ich an ein großes, von Fichten und Buchen umstandenes und mit einem Weidezaun eingegrenztes Plateau. Auf der einen Seite der Weide wachsen auch große Buchen, und eine riesige Fichte steht ein Stück weiter allein. Sie hat zwei Stämme oder Äste, die aus einer Stelle im Boden heraus wachsen und sehr dick und knorrig sind. Und ganz am Rand der ebenen Fläche, direkt am Stacheldrahtzaun ein großer Stein. Na, der ist auch nicht von allein hier herauf gerollt, war mein erster Gedanke. Zumal es keine anderen von annähernder Größe gibt. Ich ging näher und siehe da, oben hat der Stein eine Vertiefung wie ein Hollestein. Das Wasser, welches sich darin sammelt, gilt als besonders heilsam und Fruchtbarkeit bringend.  



Dieser Platz scheint ziemlich vergessen zu sein, denn ich fand in dem alten Schnee keine anderen Fußspuren als meine. Rasselnd spürte ich eine mächtige, sanfte Präsenz von etwas wirklich Großem über diesem Platz, und kurz tauchte eine Frau in einem blauen Leinenkleid auf mit weißer, gestärkter Haube, wie eine tüchtige Hausverwalterin. Ich dachte, so haben die Menschen, die hier feierten, sie vielleicht gesehen.


 




Ich setzte das mitgebrachte Kerzenglas und das rot verpackte Schokoladenei in die schneebedeckte Mulde und weiß, dort bin ich bestimmt nicht zum letzten Mal gewesen.



3.4.13

Der zweite Tag - oder die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Vergiss nicht:
Das Leben ist kurz
Also brich die Regeln, wenn nötig
Vergib schnell
Küsse bedächtig
Liebe ehrlich
Lebe
Und lasse niemals zu, dass du das Lachen verlernst

Am Morgen gefunden, Verfasser unbekannt, mein Wahlspruch für den heutigen Tag.



Die Vorstellung, trotz der Kälte wieder raus zu gehen, machte mir gute Laune. Alles besser als in der Bude zu hocken und über das Wetter zu schimpfen - und außerdem schien die Sonne. Heute war der Wind sogar noch schneidender als gestern, er brauste und dröhnte in den Wipfeln der Wälder. Ich hatte mich aber wärmer angezogen und fror deshalb nicht ganz so - teilweise trug ich sogar zwei Mützen übereinander. Dafür war's an windgeschützten Stellen richtig schön in der Sonne.

Erste Teepause - der Thermosbecher lockt den Frühling herbei

Ich bin ja an sich schon nicht die Schnellste, und schon gar nicht am Berg. Aber heute brach ich alle Rekorde in Langsamkeit, und häufig blieb ich auch noch stehen um durchzuschnaufen - das kann man einem Wanderpartner gar nicht zumuten, außer meiner Hündin Saba, für uns zwei war's okay. Ich war heute sogar eine Stunde länger unterwegs als gestern und schaffte eine zusätzliche Etappe, die ich mir eigentlich für Morgen vorgenommen hatte. Irgendwie waren die Gelenke besser geschmiert, und die Heilung hat schon begonnen.

Zweite Teepause am Bach im Malerdorf


Hier fiel die Entscheidung: abholen lassen oder doch hoch auf den Berg - ich wagte es. In der Sonne wirbelten winzige, funkelnde Schneekristalle, aber oben war's bewölkt und alles noch richtig winterlich weiß, und ich hab's geschafft!

Die Milseburg werde ich am Schluss der Runde überqueren


2.4.13

Medicine Walk


Halb freu ich mich, halb fürcht ich mich...

Der Winter geht in diesem Jahr gar nicht zu Ende. Fünf Wochen krank gewesen und kein Mal vor die Tür gegangen. Dabei gefühlte 10 Kilo zugenommen bei gleichzeitigem totalen Muskelschwund. Irgendwann eine schon fast schmerzhafte Sehnsucht nach Bewegung (und natürlich nach endlich Frühling!) entwickelt. Und dann erzählt eine Freundin von einem Rundwanderweg in der Nähe und ihrer Lust, darauf zu wandern (danke Anja!), und ich weiß sofort, das will ich! Ich mache mich auf die Suche nach dem Frühling und tanke da draußen Kraft und laufe der Krankheit und dem Winter einfach davon.

Vorher mussten noch Ostern und am Ostermontag ein runder Geburtstag (90.) in der Familie gefeiert werden, aber gleich am Tag danach wollte ich los, heute also. Kleinen Rucksack gepackt und ab. Leichte Minustemperaturen und ein schneidender, kalter Wind aus Osten - wahrscheinlich ohne Umwege direkt aus Sibirien - dazu ein wenig Frühlingssonne. Schon nach einer halben Stunde leicht hügelan die erste Teepause, die gefällten Stämme am Wegesrand waren so einladend und der Tee im Thermosbecher noch warm (danke H. für die Idee).

Zweite Teepause

Die Pfützen und Teiche sind noch halb von Eis bedeckt, in schattigen Mulden liegt der letzte Schnee, und kein Blümlein, kein Frühlingskräutlein ließ sich blicken, nicht mal an geschützten Stellen. Ein paarmal habe ich mich verlaufen, weil die Markierungen in den letzten Jahren stark verwittert sind. Nach zweieinhalb Stunden war ich im Nachbardorf, wo man mit dem Auto auf der Kreisstraße innerhalb von fünf Minuten ist. Mir war eisekalt und die Beine und Füße taten mir weh. Da ließ ich mich lieber schon abholen, weil ich ja morgen weiter will. Trotzdem fällt es nicht leicht zu akzeptieren, dass meine Kondition so im Keller ist.

Ausblick auf mein übernächstes Etappenziel

27.9.11

Seele komplett


Letztens schrieb mir jemand eine nette Mail, in der er ua davon berichtete, dass ihm auf einer langen Reise von Deutschland in sein Zuhause in der Karibik Teile seiner Seele auf der Strecke geblieben waren.

Ich kenne den Zustand ziemlich gut, denn ich verreise gern in andere Länder, und selbst bei Reisen mit dem Auto und dem Schiff passierte mir das regelmäßig. Meistens brauche ich ungefähr eine Woche lang, bis meine Seele wieder komplett ist. Das gilt sowohl für die Ankunft in der Urlaubsgegend als auch für die Heimkehr. In der Zeit fühle ich mich irgendwie nur halb, wie Falschgeld, wie bestellt und nicht abgeholt usw.

Bei unserem Aufenthalt im letzten Jahr auf Elba stand ich bei der Abreise am Heck der Fähre, wie ich das gern tu, und sah der Insel dabei zu, wie sie immer kleiner wurde. Ich dachte an die schöne Zeit dort, die wunderbaren, interessanten Orte, die wir gesehen hatten, und wie wohl ich mich da gefühlt hatte. Und plötzlich dämmerte es mir: so geschieht das also! An jeden dieser Orte hatte ich ein Stück meiner Seele gehängt, "mein Herz verloren", wie ein altertümlicher Ausdruck dafür lautet. Sofort ging ich in eine leichte Trance und rief sehr konzentriert alle meine Seelenteile wieder zu mir. Ich erklärte ihnen, dass ich sie brauche und stellte mir vor, wie sie sich von den schönen Plätzen lösten und zu mir zurückgeflogen kamen.

Und es hat tatsächlich funktioniert, denn wieder zu Hause angekommen war ich sofort ganz da und brauchte keine Woche zum allmählichen Ankommen.

In zehn Tagen werde ich es anders herum auch mal probieren: bei der Abfahrt - es geht wieder nach Elba - werde ich alle meine Seelenteile, die dann noch hier im Haus und in der Gegend und bei meiner Familie, Freunden und Projekten "rumhängen", zu mir rufen und gleich mitnehmen.